Übersetzung: Der *für mich* beste Text des Jahres

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Heute wird es hart, liebe Leute. Heute wird es anders als alles, was ihr hier bisher lesen konntet.Ich überlege seit WOCHEN, ob ich euch diesen Text – und das, was ich dazu geschrieben habe – überhaupt zeigen sollte. Er ist vulgär, schonungslos, ehrlich… und abgrundtief traurig und verzweifelt.

***Deshalb an dieser Stelle eine ausgedehnte Contentwarnung!*** (Etwas, mit dem ich mich normalerweise nicht aufhalte.)

Alle zart besaiteten Wesen, für die Sex bitte im Dunkeln und einzig und allein mit federleichten Berührungen stattzufinden hat, mögen bitte sofort wegklicken und ihre Unschuld bewahren. Keiner wird euch deshalb für schwach halten und wir müssen nie mehr darüber sprechen. Wer aber eine härtere Gangart mag und diesen phantastischen Crossover-Text aus Psychologie, Philosophie und Sex aushält, dem wünsche ich ganz ganz viel Spaß – auch wenn ich weiß, dass er euch im Halse stecken bleiben wird. (Man möge mir das Wortspiel verzeihen.)

Also: Hier kommt mein TOP-Text 2017, eine direkte Übersetzung des Blogposts namens “The more hopeless and scared I feel, the harder I need to be fucked” von Bridget Callahan, einer US-amerikanischen Autorin. Wen es interessiert, hier wird die journalistische Erzählweise “A-B-A-B” auf die Spitze getrieben. Ein Absatz dies, ein Absatz das. Dies. Das. Absolute Perfektion und Spannung pur. Nach der eigentlichen Übersetzung erzähle ich euch dann, warum ich diesen Post geschrieben habe.

Ich mag dich. Ich mag dein Kinn. Ich finde, du bist niedlich. Ich träume davon, dass du mich küsst. Dich gegen mich drückst in irgendeiner Gasse, deine Finger unter meinem Rock, stöhnend. Hungrig nach diesem ungreifbaren Hunger. Amerikaner geben 110 Milliarden Euro im Jahr für Fastfood aus. Die USA verkaufen genug Pizza, um jeden Tag 100 Hektar Land zu bedecken. Einer von Vieren stirbt an Herzkrankheiten. Mein Herz ist krank. Es frisst sich durch mich, schlägt mir kleine Risse in die in die Adern, als hätte es kleine Zähne. Also lass deine Lippen hinuntergleiten zu meinem Nacken, leg sie auf meine Brüste und schau nach, ob du fühlen kannst, wie es sich durch meinen Brustkorb nagt.

Geschäftsführer großer IT-Konzerne fasten tagelang, um ihre Körper zu hacken. Sie schwören, es mache sie smarter. Sie nutzen Apps, um es zu beweisen. Eines Tages werden sie auch ihre Mitarbeiter biometrisch überwachen und sie bestrafen, wenn sie essen. Multinationale Konzerne haben fast 200 Trillionen auf irgendwelchen Inselkonten vor der Steuer versteckt. Eine von fünf US-Familien ist absolut ohne Arbeit, d.h. nicht ein Familienmitglied hat Arbeit. 42.2% der Amerikaner haben nicht wirklich genug zu Essen.

Ich stelle mir dich und mich in diesem Hotelzimmer vor. Dein Freund verlässt den Raum und wir schauen einander an. Dieser Blick ist wie ein Schleppseil, es zieht uns rasend schnell zusammen. Du küsst mich tief, fordernd. Deine Hände hinterlassen blaue Flecken, so heftig greifst du meinen Hintern. Dann bin ich auf dem nächsten Tisch, lasse dich zwischen meine Beine. Deine Zunge beginnt an meinem Knöchel und arbeitet sich den gesamten Weg mein Bein entlang, bis sie meinen feuchten Kern erreicht. Ich flehe dich an. Ich sage “Bitte, hör nicht auf. Gib mir mehr. Ich brauche-”

99.8% des Bundesstaates Kalifornien erleben extreme Dürre. Der halbe westliche Kontinent brennt. Die Asche hinterlässt viele Lagen auf den Bergspitzen – eine deutliche Nachricht an künftige Geologen: Heute war es, das alles abbrannte. Fünf Länder der Welt produzieren 50% der gesamten Co2-Emissionen. Der Ozean ist heute 26% saurer als er es die letzten 300.000 Jahre war. Die See kocht in einem 1000-Meilen-langen Todeszone um die Küste Namibias herum und

Ich berühre deinen Schwanz unter dem Stoff deiner Hose. Ich zerre deinen Reißverschluss auf. Er ist so hart und stark. Ich stecke ihn in den Mund, nehme ihn ganz und gar in mich auf. Es ist nicht genug. Das Verlangen schmerzt weiter. Da ist noch immer diese Leere. Sie ist dunkel und leer, aber auch warm und eng, und ich weiß, wenn du dich erst einmal in mich versenkt hast, dann wird es aufhören, dieses pochende Verlangen. Jedes bisschen Blut, Knochen, Haut und Atem eng an dir. Bitte. Nimm mich, bis du alles bist, an das ich denken kann – als wärst du Rauch oder

Die Hälfte der Weltbevölkerung lebt innerhalb von 37 Meilen um den schnell ansteigenden Meeresspiegel. Bitte f*ck mich. 21.5 Millionen Flüchtlinge wurden vom Klimawandel aus ihren Längern vertrieben. Wie Ameisen verteilen sie sich über das übrige Land auf der Suche nach Hoffnung. Bitte bieg meinen Rücken durch oder lehn mich gegen die Wand und stoße zu. Je größer die Flut der Massenmigration wird, desto faschistoider werden die Regierungen der Welt. Wir sind dabei, 800.000 Immigrantenkinder zu deportieren. Wir bauen eine Mauer. Wir schotten uns ab von der Flut und lassen die Leute um uns herum elendig sterben. Härter, bitte! Ja. Komm in mir. Tu es einfach. Ich habe Plastik in meinem Körper, dass verhindert, dass sich Babys in mein Fleisch einnisten können, aber

Komm in mir und tu so, als könntest du mich tatsächlich schwängern. Tu so, als würden wir eine Familie werden und alles wäre erfüllt von Liebe, gesund und gut. Wir werden Wasser aus Plastikflaschen auf unseren Wanderungen trinken und gedankenlos überall mit dem Auto hinfahren und weit gereiste Speisen beim Brunch essen wie die Götter. Wir werden die Klimaanlage und den Ventilator gleichzeitig laufen lassen. Wir werden jeden Tag duschen und Papierschnipsel wegwerfen, einfach weil wir nicht mochten, was darauf stand.

Dann halt mich fest, während der dritte Hurricane der Stärke 6 in dieser Saison über die Inseln in unserer unmittelbaren Nähe fegt, während ganze Völker ertrinken und dein Samen zwischen meinen Beinen herausläuft. Fahr mit deinen Händen durch mein Haar und flüster mir ins Ohr, kurzatmig von der Anstrengung. Wenn der größte je gemessene Eisberg vom arktischen Eis abbricht und wie ein neuer Kontinent in den Ozean kracht, lass mich meine Hüften gegen deine pressen, meine Fußsohlen auf deinen Füßen abstellen und deine Arme enger um mich ziehen. Der Permafrost schmilzt – darin warten Krankheiten. Pocken und Anthrax, die geschlafen hatten für viele tausend Jahre und nun darauf warten, jemanden zu infizieren. Darauf warten, uns töten zu können. Geh nicht raus. Der Nebel kommt. Schlaf einfach neben mir ein. Schnarchend und langsam sterbend, und am Morgen lass mich fühlen, wie du dich bewegst – bereit für noch eine Runde.

Zugegeben, ich glaube, diese (mit an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit sexsüchtige) Autorin ist neurotisch und/oder schwer depressiv. Was davon, das werde ich wohl nie erfahren, denn ich bin keine Psychologin und kenne die Frau ja nicht persönlich. ABER: Das, was die Gute hier so abgrundtief ehrlich beschreibt, tun wir alle auf die eine oder andere Art. Sie auf diese Art, ich und zahllose andere Kreative beim Schreiben, Malen, komponieren, Computerspielen. Wir lassen Dampf ab. Nicht, weil wir wollen. Sondern weil wir müssen. Wir müssen in den Hollywood-Filmen Liebe vorgespielt bekommen, denn niemand kennt noch ein echtes, ungetrübtes Beispiel in seiner Umgebung. Wir müssen uns in Zombiespielen durch die Stadt schießen oder eine ganze Staffel einer brutalen Netflix-Serie auf einmal gucken, damit wir nicht ins echte Waffengeschäft gehen. Und die, denen es etwas bringt, müssen sich eben das Hirn rausf….. lassen – einfach, damit es danach für ein paar kostbare Minuten still ist. (Ich erreiche diesen Zustand vollkommener Stille übrigens, nachdem eine Szene fertig geschrieben ist.)

Das Ganze erscheint mir mehr wie ein Exorzismus, denn für mehr fehlen die Rezepte. Nur ein Rezept, das habe ich mir zusammengeklaut, und hier möchte ich der Verzweiflung des obigen Textes neue Hoffnung entgegenstellen: Die Königin der Worte selbst – Joanne Kathleen Rowling – hat in einem fantastischen Interview mit Oprah Winfrey gesagt: “Schau dir eine der schlimmsten und am besten dokumentierten Katastrophen an, die die junge Generation schon selbst miterlebt hat: 9/11. Weißt du, was jeder Einzelne Flugzeugpassagier als letzte Worte gewählt hat? Keiner verteufelte den Tag oder das Schicksal, niemand hielt sich in der letzten Minute seines wertvollen Lebens damit auf, auf die Flugzeugentführer zu schimpfen. Es gibt dutzende Aufnahmen von diesem Tag. Und jede… jede einzelne bekundet an ihrem Ende: “Ich liebe dich.”

Wenn euer Flugzeug also abstürzt – heute, morgen oder in 50 Jahren, sagt als letztes zu eurem Lebenswerk, zu eurem Partner oder eurem Kind “Ich liebe dich”, dann hättet ihr dieses verfickte Spiel wenigstens doch noch gewonnen.

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3 Comments

  1. Liebe Tanja,
    herzlichen Dank für Deine Antwort….
    Es ist völlig richtig: Dieser Text ist grandios. Es tut weh, wenn man ihn liest: Dieser Text führt uns vor Augen, wie schwierig es ist, zu ertragen, das diese Welt ist, wie sie ist. Er lässt es uns schmerzhaft spüren.
    Ich will und kann aber nicht akzeptieren, dass die Resignation unser Leben bestimmt. Ich will die Hoffnung nicht verlieren, dass wir in unserem kleinen Umfeld etwas an der Lieblosigkeit ändern können.

    Ich selbst bin vermutlich nicht hochsensitiv so wie Du und vermutlich auch die Autorin dieses Textes. Aber ich beneide Euch um diese Fähigkeit. Ich denke, es ist wirklich ein Geschenk, über seine eigenen Grenzen hinaus fühlen zu können…
    Herzlich
    kdknet

  2. ich kann wirklich verstehen, dass Dich (darf ich Du sagen?) dieser Text fasziniert, mich fasziniert er auch. Aber in diesem Text und auch in Deiner Beschreibung dazu wird eine Ohnmacht deutlich, die ich nicht zu 100% teilen kann: Für die Autorin dieses Textes gibt es nur einen Ausweg aus dem Dilemma: “Fülle meinen Kopf mit einer komplett anderen Empfindung”, in Ihrem Falle Sex – Sie will den Schmerz überlagern mit einer noch stärkeren und doch so temporären Emotion, sie will sich ablenken.
    Du ergänzt mit den Worten von Frau Rowling sinngemäß: “Finde das in Deinem Leben, was Du liebst und empfinde diese Liebe bewusst”.
    So richtig und wichtig das ist: Wenn das alles ist, ist das für mich zu resignativ: Auch wenn es uns nicht bewusst ist, so lässt sich an der Situation dieser Welt etwas ändern, vielleicht nicht global, sondern nur in dem kleinen Umfeld, in den ich gestellt bin: Gegen den Klimawandel in den Herzen der Menschen, gegen die Einsamkeit, die Trauer, gegen Hass.
    Man darf aber nicht an der eigenen Unzulänglichkeit verzweifeln, sondern jeden kleinen Sieg der Liebe feiern lernen.
    Liebe ist eine nicht versiegende Quelle, die Welten verändern kann.
    Herzliche Grüße
    kdknet

    • tanja_ahrens
      tanja_ahrens

      Du hast völlig Recht! Und ja, natürlich darfst du mich duzen! :) Was man bei der Autorin glaube ich verstehen muss, ist, dass sie (wie ich glaube ich erwähne) psychische Probleme hat. Mindestens ist sie aber sehr sensitiv und eine “Grüblerin” (was sehr sehr viele Hochsensitive sind).
      Ich selbst gehe zum Beispiel nicht davon aus, dass wir die Erde derart kaputt kriegen, ich bin etwas hoffnungsvoller eingestellt. Aber Hoffnung bringt einem heute keiner mehr bei, und Demut vor der Schöpfung schon gleich gar nicht. Ist das nun besser? Dass wir so wissenschaftlich sind, dass wir die Erde mit Füßen treten, aber immerhin genau nachmessen können, wie SEHR? Ganz ehrlich, ich weiß es nicht. Der Text ist grandios, dabei bleibe ich. Vielleicht ist er es gerade deshalb, weil er all die Fragen offenlässt. :)

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