Das Gleichnis vom Wasserkocher

caffeine-1869720_1280Meine große Schwester hat mir neulich eine sehr süße Geschichte zum Thema Achtsamkeit erzählt, die wollte ich euch nicht vorenthalten!

Meine Schwester arbeitet als Ingenieurin in Australien. Um sie herum arbeiten ganz verschiedene Nationalitäten und Altersstufen, und irgendwann kam es in der gemeinsamen Teeküche zu folgender Szene:

Die nette, immer zurückhaltende Kollegin im mittleren Alter füllt den Wasserkocher bis oben hin, wartet geduldig, bis es heiß ist, und gießt es dann in ihre Teetasse. Den Großteil des heißen Wassers stellt sie zurück auf die Wasserkocher-Basis.
Meine Schwester und ein weiterer Kollege beobachten das zufällig und der junge Kollege sagt: “Sag mal, warum hast du denn so viel Wasser aufgesetzt? Weißt du nicht, wie viel Strom du damit verschwendest? Das restliche Wasser wird jetzt kalt und der viele Strom ist verloren.”
Die Kollegin schaut ganz unglücklich. “Aber ich setze so viel auf, um nett zu anderen zu sein!”, erklärt sie. Der Nächste, der in die Küche kommt, freut sich doch, wenn er gleich heißes Wasser nehmen kann.”
Meine Schwester grinst in sich hinein, während der Kollege ganz verblüfft ist. “Ich habe gelernt, abzuschätzen, wie viel Wasser ich etwa brauche. Wenn etwas für andere übrig bleibt, fein, das lasse ich im Wasserkocher stehen. Aber ansonsten habe ich wenigstens Strom gespart.”
Endlich mischt meine große Schwester sich dazu. “Wisst ihr was? Ich habe es wieder anders gelernt”, schmunzelt sie. “In Deutschland kippen wir die letzten Schlucke heißes Wasser sogar oft in den Ausguss!”
“Warum das denn?!”, fragen beide perplex.
“Weil der Wasserkocher verkalkt, wenn ständig ein Rest Wasser darin steht!”, lacht sie. “Ich möchte doch nicht, dass irgendein Kollege das Teil in ein paar Tagen erstmal aufwändig reinigen muss!”

Was will ich euch nun damit sagen? Ganz einfach: Menschliches Zusammenleben ist bunt und unergründlich. Einige denken weit voraus und nehmen zusätzliche Arbeit auf sich, um nett zu sein. Andere kümmern sich um sich und die Umwelt. Und wieder andere können mit ihren Aktionen unbedacht oder unsozial WIRKEN, haben aber wieder in andere, sinnvolle Richtungen weitergedacht. Aber alle haben sich etwas dabei gedacht. Keiner macht es falscher oder richtiger als der andere. Es ist sogar relativ unwahrscheinlich, dass sich dein Gegenüber so gar nichts bei seinen Handgriffen gedacht hat. Wir können den Menschen in unserer Umgebung nur nicht hinter die Stirn schauen. Das Beispiel hier ist läppisch, wie man in meinem Landkreis sagt – im Großen und Ganzen unwichtig. Aber es ist gerade deshalb auch so wunderbar geeignet, mal innezuhalten und nicht gleich “Du blöder Esel!” zu denken (ergo: zu urteilen), wenn jemand das restliche heiße Wasser aus dem Wasserkocher wegkippt.

Bild: pixabay.de

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