Klappentext-Donnerstag: Der Junge im gestreiften Pyjama

Klappentext Donnerstag LogoDer heutige Klappentext hat vor ein paar Jahren den Lovelybooks Leserpreis in derKategorie Klappentext gewonnen – und zwar völlig zurecht!Ich habe “Der Junge im gestreiften Pyjama” zwar selbst leider noch nicht gelesen, aber der Klappentext haut einen schon beim ersten Lesen völlig vom Hocker.

Das Original:
“Der neunjährige Bruno weiß nichts von der Endlösung oder dem Holocaust. Er ist unberührt von den entsetzlichen Grausamkeiten, die sein Land dem europäischen Volk zufügt. Er weiß nur, dass man ihn von seinem gemütlichen Zuhause in Berlin in ein Haus verpflanzt hat, das in einer öden Gegend liegt, in der er nichts unternehmen kann und keiner mit ihm spielt. Bis er Schmuel kennenlernt, einen Jungen, der ein seltsam ähnliches Dasein auf der anderen Seite des angrenzenden Drahtzauns fristet und der, wie alle Menschen dort, einen gestreiften Pyjama trägt. Durch die Freundschaft mit Schmuel werden Bruno, dem unschuldigen Jungen, mit der Zeit die Augen geöffnet. Und während er erforscht, wovon er unwissentlich ein Teil ist, gerät er unvermeidlich in die Fänge des schrecklichen Geschehens.”

Das spannende ist für mich, dass man ja schon bei einem halbwegs guten Buchtitel ein Bild im Kopf hat. In diesem Fall war es bei mir eines so im Stil von “Conny zieht sich selber an”, weil der Titel ja bewusst mit dieser Kindlichkeit spielt. NACH dem Lesen des Klappentextes versteht man dann, dass es eben kein Pyjama ist, sondern einfach nur das Wort, das ein unschuldiges Kind als einziges zur Beschreibung des Horrors finden konnte. Dementsprechend einfach wäre es natürlich auch, diesen Text zu verhunzen. Die Fälschung:u1_978-3-596-80683-6

“Bruno ist ein wohlbehütetes Kind aus gutem Hause. 194x wird er als 9-Jähriger zu Verwandten aufs Land geschickt, das findet er öde und langweilig. Keiner spielt mit ihm und überhaupt hat kein Erwachsener Zeit für ihn und seine Bedürfnisse. Als er entdeckt, dass auf dem Nachbargelände viele Menschen wohnen, die immer im Pyjama herumlaufen, hofft er wenigstens so auf etwas Ablenkung. Er ahnt nicht, dass der dürre Junge ein Gefangener der Nazis ist und sie beide auf ihre Art Opfer des nationalsozialistischen Systems geworden sind.”

Schon der erste Satz meiner Verballhornung ist Langeweile pur. “Ein wohlbehütetes Kind aus gutem Hause” verspricht gähnend langweilige Psychoanalysen und null Spannung, es sei denn, der Satz danach beinhaltet ein ganz großes “bis XYZ passiert!” Das an sich ist übrigens schon ein Verbrechen, weil ungefähr 80 Prozent aller Klappentexte genau so einsteigen. Wenn irgendwie machbar, sollte man sich von der Satzkonstruktion “Jane Doe  ist ganz normal, BIS….!” im Literaturbetrieb fernhalten. Außer natürlich, man schreibt grundsätzlich Satire! *grins*. Der nächste Satz ist extra darauf ausgelegt, unseren 9-Jährigen Protagonisten so unfreundlich wie möglich erscheinen zu lassen. Das schaffen die von mir gewählten Konstruktionen wie “findet er öde”, “keiner spielt mit ihm”, und der Gipfel des gedanklichen Mimimi: “keiner hat Zeit für seine Bedürfnisse”. Im nächsten Satz habe ich aus dem einzelnen Jungen im Pyjama viele Menschen gemacht, diese Konstruktion – obwohl wahr – hat weit weniger Kraft, weil weniger Fokus auf ein Einzelschicksal. Der ganze Witz ist ja, dass es um zwei Jungen im gleichen Alter geht. Das kann man mit “viele Leute in komischen Klamotten” natürlich gänzlich zerstören. Und zu guter Letzt ein großer Schuss fehlgeleiteten Pathos mit der Einleitung “er ahnt nicht”. Klasse….. Wenn man einen schlechten Horror-Groschenroman für den Schulhof schreibt! Und nochmal reinzufriemeln, dass der gut genährte, nicht-eingesperrte Berliner Jung auch “ein Opfer” ist, schürt nur noch mehr unsere absolute Unlust, den kleinen Klotz kennenzulernen (denn es ist ja schon ein bisschen vermessen, die beiden mit der bloßen Bezeichnung ‘Opfer’ auf die gleiche Stufe zu stellen, wenn der eine morgens von Tantchen Weißbrot mit Marmelade bekommt und der andere wahrscheinlich aus Mülleimern essen muss.)

Ich hoffe, euch hat dieser kleine Ausflug in die (Un-)Tiefen der Klappentexte wieder gefallen. Welcher Klappentext ist euer Liebling? Welchen könnt ihr nicht vergessen? Lasst mir einen Kommentar da!

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