Klappentext-Donnerstag: Kinder des Nebels

Heute geht es in meiner kleinen Serie “Gute Klappentexte und wie man sie zerstören kann” um das hoch gelobte Buch ‘Mistborn’ von Brandon Sanderson. Die deutsche Übersetzung lautet “Kinder des Nebels”. Dieses Buch drückte mir mein Mann in die Hand, als ich über meinem eigenen Klappentext saß, und sagte: “Mach es so, der Typ hat’s drauf!” Recht hatte er. ;)
Der Original-Klappentext der englischen Erstausgabe, von mir ins Deutsche übertragen, liest sich einfach grandios.

Vor langer Zeit erhob sich eine Held, die Welt zu retten. Ein junger Mann mit einem mysteriösen Erbe forderte die Dunkelheit mutig heraus, die das Land würgte.

Er versagte.

In den tausend Jahren seitdem war die Welt eine Wüste aus Asche und Nebel, beherrscht vom unsterblichen Kaiser, den man den ‘Lord Ruler’ nennt. Jeder Aufstand gegen ihn versagte kläglich.

Und doch, irgendwie, blieb die Hoffnung am Leben. Die Hoffnung, die davon zu träumen wagt, dieses Kaiserreich und auch den ‘Lord Ruler’ selbst zu stürzen. Nun wird eine neue Art der Revolte geplant, ein ultimativer Streich, der ganz und gar von dem Mut und eines kriminellen Masterminds und einer Frau abhängt – einer Straßenwaise, die die Kunst der Allomantie beherrschen lernen muss… denn dies ist die Kraft aller Nebelgeborenen.

Alleine der Einstieg ist mutig und außergewöhnlich. Frei nach dem Motto: Hier, bitteschön, Helden, epische Schlachten… scheiße, versagt! Wie genial ist das denn bitte? ^^ Und auch die gewählten Worte sind sehr stark: Asche, Aufstand, Hoffnung, Revolte, Mut, Kraft – alles ganz toll und ansprechend, ohne komplett überdreht zu wirken. So… was könnte man dagegen tun?

Heute haben wir den großen Vorteil, dass ich den obigen Text gar nicht selbst verhunzen muss, das haben nämlich netterweise die Leute vom Heyne-Verlag* übernommen und dieses hübsche kleine Monster hier in die Welt gebracht:

Seit über eintausend Jahren ist die Welt von Asche bedeckt. Seit über eintausend Jahren herrscht der unsterbliche Lord Ruler und versklavt das Volk der Skaa. Die Hoffnung scheint längst verloren, bis eines Tages ein junger Mann mächtige Fähigkeiten entwickelt und eine Schar von Rebellen versammelt. Sein Plan: Er will sie ebenfalls die Kontrolle über die magischen Kräfte lehren – und den allmächtigen Lord Ruler stürzen …

Wo fange ich bloß an? Also erstmal sollte man ja denken, kürzer ist besser. Tatsächlich ist das auch einer der wenigen Aspekte, der für diesen Klappentext spricht. Aber dann fängt dieser kleine Haufen schnell an zu stinken wie das Löwenhaus im Zoo bei 40 Grad im Schatten! 1) Die ersten drei von vier Sätzen sind mehr oder minder gleich lang und haben einen ähnlichen Rhythmus. Es wird außerdem das einzige erfundene Wort eingebracht, dass in der Kürze der Zeit nun wirklich keiner wissen muss, nämlich der Name des Volkes. 2) WO ZUM GEIER IST DAS MÄDEL HIN?? Auf einmal geht es nur noch um den Mann, herzlichen Dank auch!? 3) “Sein Plan:” Ja, nunja. Was sonst? Sein Fahrrad? Man kann sich hier streiten, aber so richtig liebevoll ist die Ergänzung vor dem Doppelpunkt da nicht. 4) Den Lord Ruler stürzen ist ja schön und nett, aber nach tausend Jahren dies und tausend Jahren das wünscht man dem Tyrannen ein bisschen mehr an den Hals – wenn der Autor alles richtig gemacht hat. Stürzen ist hier also kein besonders starkes Wort. Im englischen Original steht dort “to end”, was “beenden” und “töten” gleichermaßen heißt. Nur mal als Hinweis. Es gibt auch an dieser Stelle kein Einzelwort, das die Sache so richtig retten könnte, der ganze Satz müsste umstrukturiert werden…. aber wozu? Schon als Mark Hamill sein Filmdebüt feierte haben mich Rebellen mit großartigen Plänen nicht vom Hocker gerissen… warum sollten sie das jetzt?

Fazit: Wie so oft bei Übersetzungen sind hier einige – wie ich fürchte – teure Fehler passiert. Und wofür? Ich hatte das geniale Original in fünf Minuten übersetzt und finde, wenn man mal eine richtig gute Erzählerstimme in seinem Kopf ausgräbt – so, Batman oder so – dann wird aus den zusammengereiten Buchstaben ein Leckerbissen erster Güte. Also warum, lieber Verlag, warum nur? Ich dachte ihr *wollt* verkaufen?!

Ab jetzt nehme ich übrigens Tipps entgegen, welchen Klappentext ich auch mal behandeln sollte. Er sollte natürlich *GUT* sein oder von einem Verlag, der groß genug ist, um mit meinem Kommentar leben zu müssen. *hihi*

* Ich weiß, ich bin hier sofort von meiner Regel abgewichen, niemanden zu bashen. Allerdings sitzen in einem Verlag – hoffentlich – Profis. Die sollten es eigentlich besser können, ganz besonders bei dieser Steilvorlage. Ich bleibe dabei, keine Autoren (und schon gar keine unerfahrenen) für etwas zu kritisieren, auch wenn es um die eher objektiven Aspekte guter Texte geht.

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